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Happy Nyepi!

Kaum zwei Monate nach den Silvesterfeierlichkeiten in Europa durfte ich im Februar das Chinesische Neujahr in Singapur miterleben. Nur wenige Wochen später wurde in Indonesien eine weitere Jahreswende eingeläutet: Die Nacht zum Neujahr auf Bali. Sie wird durch und durch spirituell zelebriert…und der Morgen danach ist der stillste Tag, den man sich vorstellen kann.

Am Vorabend des Balinesischen Neujahrs

Gar nicht so einfach, die Zeitrechnung auf Bali zu überblicken. Neben dem für uns bekannten Gregorianischen Kalender gibt es für die Balinesen zusätzlich den Mondphasen-Kalender Saka. Nach diesem wird mit jedem Neumond der Tag-Nacht-Gleiche ein neues Jahr eingeläutet. Die Zeremonien für dieses Ereignis beginnen jedoch schon drei Tage zuvor: Dann nämlich werden aus den Tempeln Opfergaben ans Wasser gebracht und gereinigt. Vorsorglich klären die Einheimischen zu diesem Zeitpunkt alle verwunderten Touristen auf, was in den nächsten Tagen folgen würde: Extase und Verzicht.

Auch mir erzählt ein gutgelaunter Balinese am Strand von Kuta von den Feierlichkeiten. Ich bin zunächst etwas skeptisch, schließlich klingt es nur zu verrückt: In der Nacht des Jahreswechsels würde auf der gesamten Insel ein berauschter Ausnahmezustand herrschen. Von riesigen Monstern und Dämonen ist da die Rede, die die ganze Nacht durch die Straße zögen und am Ende rituell verbrannt werden würden. Damit würde sich sämtliche negative Energie von der Insel verflüchtigen. Dafür sei am Tag darauf absolutes Nichtstun unter den Balinesen angesagt. Kein Laden sei dann offen, niemand sei auf der Straße, niemand würde reden – um den übrig gebliebenen Dämonen vorzugaukeln, die Insel sei unbewohnt.

Tawur Kesanga: Der Tag vor Nyepi 

Ich weiß zunächst nicht so recht, ob mir der freundliche Herr einen Bären aufgebunden hat. Die Zweifel verfliegen aber schon kurz nach meiner Ankunft in Ubud. Unzählige Touristen treten sich für ihre Hamsterkäufe in den lokalen Läden gegenseitig auf die Füße – ganz wie in Deutschland vor den Feiertagen. Als ich schließlich die riesigen Dämonenpuppen an den Straßenecken stehen sehe, wird mir klar, dass ich mich inmitten der Vorbereitungen zu einem der höchsten Feste der Insel befinde.

Es ist gar nicht schwer auszumachen, wo der fröhliche Exorzismus stattfinden wird. Im ganzen Dorf spricht es sich herum, dass sich die bösen Geister besonders gerne auf dem zentralen Sportplatz treffen. Diesem Treiben wird heute Nacht ein Ende gesetzt. Schon in den Nachmittagsstunden füllt sich das Feld mit spielenden Kindern, picknickenden Erwachsenen und neugierigen Touristen. Alle wollen dabei sein, wenn das Böse in die Flucht geschlagen wird.

Am Vorabend des Balinesischen Neujahrs

Die Ogoh-Ogoh-Parade

Einige Stunden nach der Dämmerung ist es soweit: Bei der so genannten Ogoh-Ogoh-Parade sind die Dämonen fällig. Jedes Dorf auf der Insel investierte zuvor Wochen und Monate, um riesige Monsterpuppen zu basteln, die sinnbildlich für Gier, Zorn Egoismus und weitere schlechte Eigenschaften des Menschen stehen. Abends dann finden sich die Balinesen mit ihren jeweiligen Monstern zusammen, um sie wie Puppenspieler zum Leben zu erwecken. Die Monster scheinen unter der Kontrolle der Dorfbewohner zu interagieren, zu tanzen und wie wild zu zappeln.

Wie für Bali üblich, fließt bei diesem Fest kein Alkohol – dennoch sind alle Anwesenden wie in Trance von der balinesischen Volksmusik und den verrückten Tänzen, die die Monster aufzuführen schienen. Die Zelebration dauert beinahe vier Stunden und gipfelt erst tief in der Nacht in die lang ersehnte Verbannung des Bösen. Vor wenigen Jahren noch wurden die Monsterpuppen dafür unter großen Getöse angezündet – mittlerweile benötigt die Herstellung dieser Figuren so viel Zeit, Geld und Geduld, dass der Exorzismus symbolisch vonstatten geht.

Nyepi: Die Ruhe nach dem Sturm

Am ersten Tag des neuen Jahres ist Bali wie ausgestorben. Die ganze Insel hüllt sich für 24 Stunden in absolutes Schweigen. Sämtliche Bewohner sind angewiesen, zu Hause zu bleiben und in sich zu gehen. Sowohl Arbeit als auch Vergnügen sind tabu. Nachrichtenstationen, Geldautomaten, öffentlicher Dienst, ja sogar der Flugverkehr – nichts davon ist an diesem Tag aktiv.

Einzig ein paar patrouillierende religiöse Wächter, die sogenannten Pecalang, dürfen an diesem Tag die Straße betreten. Sie prüfen, ob sich alle an die Regeln halten. Bei Missachtung drohen Geld- oder Gefängnisstrafen. Gefeit ist davor niemand, egal ob Einheimischer oder Tourist. Auch wir Gäste halten uns im Hostel brav an diese Regelung. Die meisten nutzen den Tag, um zu meditieren. Die komplette Zeitspanne halten das aber nur die Wenigsten aus und schalten, von der Langeweile geplagt, das Handy an. Glücklicherweise hat die Leitung unseres Hostels Strom und Wasser nicht abgestellt. Die meisten der fastenden Balinesen verzichten selbst darauf. Im Grunde genommen ist sogar Kerzenlicht tabu.

Ein bisschen ist es wie bei uns am Neujahrstag – nur das hierzulande die meisten Menschen aufgrund der Nachwirkungen des Alkohols wie gelähmt im Bett liegenbleiben. Auf Bali hingegen wird ganz bewusst inne gehalten, meditiert und reflektiert. Währenddessen ist auf den Straßen nichts außer dem Zwitschern der Vögel zu hören. Falls jetzt noch böse Geister auf dieser Insel sein sollten, haben sie es gewiss schwer, noch Opfer zu finden.

Wir schreiben den 11. März 2016 oder den 2. Tag des 1938-sten Jahres Balinesischer Zeitrechnung. Das soziale und öffentliche Leben rollt langsam aber sicher wieder an. Frei von allen Lasten versuchen die Einwohner, diesen Zustand der inneren Reinheit zu behalten. Doch im Laufe der nächsten Wochen und Monate werden unweigerlich neue böse Geister die Insel heimsuchen, sich in den Menschen breit machen und deren Seelen verderben. Nicht einmal die Frommsten sind dagegen immun. Da tut es gut zu wissen, dass einmal im Jahr eine ordentliche Grundreinigung stattfindet.

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