Einmal auf über 6000 Metern stehen: Der Vulkan Chachani bei Arequipa gilt als einer der einfachsten Sechstausender der Welt. Einfach heißt aber nicht leicht – auf meiner Tagestour war vor allem der Kopf gefordert.
- Höhe: 6075 m
- Lage: Anden im Süden Perus, rund 22 km nordwestlich von Arequipa
- Ausgangspunkt: Mit dem Jeep in rund drei Stunden ab Arequipa bis auf etwa 5000 m
- Dauer: Tagestour mit Abholung um Mitternacht, alternativ zwei Tage mit Übernachtung im Basecamp auf 5200 m
- Schwierigkeit: Technisch einfach, im Gipfelbereich mit Steigeisen. Die eigentliche Herausforderung ist die Höhe.
- Vorbereitung: mindestens zwei Tage in Arequipa, davon einer mit Ausflug auf über 4000 m
- Kosten: Tagestour rund 100 € inklusive Guides, Transport und Leihausrüstung (Stand Mai 2026)
- Beste Reisezeit: Trockenzeit von Mai bis September. April und Oktober sind Übergangsmonate, von Dezember bis März ist Regenzeit, dann raten die meisten Veranstalter ab.
Der Chachani ragt direkt vor den Toren von Arequipa in den Himmel und gilt als einer der „einfacheren“ Sechstausender: Technisch ist der Vulkan nicht allzu anspruchsvoll, die Höhe hat es aber trotzdem in sich. Bevor es losgehen kann, heißt es deshalb erst einmal, den Körper an die dünne Luft zu gewöhnen.
Zwei Tage Vorbereitung sollten es mindestens sein. Den ersten verbringe ich in Arequipa selbst, um mich an die rund 2300 Meter zu gewöhnen und mich mit Proviant einzudecken. Am zweiten Tag geht es ein gutes Stück höher hinaus: auf einen Tagesausflug in die Reserva Nacional Salinas y Aguada Blanca auf über 4000 Metern. Viele Touranbieter in der Stadt haben solche Trips im Programm. Mit dem Auto geht es zu verschiedenen Aussichtspunkten, an denen man Salzwüste, Flamingos und Vicuñas bestaunen kann – mit dem schönen Nebeneffekt, dass sich der Körper dabei schon einmal an die Höhe herantastet.

Am zweiten Tag buche ich dann auch die lang ersehnte Tour auf den Chachani – leider nur als Tagestour. Eine Zweitagestour mit Übernachtung im Basecamp wäre eigentlich besser gewesen, weil man sich so noch besser an die Höhe gewöhnt. An diesem Tag gab es aber kein passendes Angebot, und meine Zeit hätte dafür ohnehin nicht gereicht. Also lege ich beim Touranbieter hundert Euro auf den Tisch und versuche, am Abend noch etwas Schlaf zu tanken …

… denn der Trek beginnt mitten in der Nacht.
Um Mitternacht in den Jeep
Pünktlich um Mitternacht stehe ich wieder beim Touranbieter und quetsche mich mit vier anderen Abenteuerlustigen und einem Guide in einen von zwei Jeeps. Drei Stunden dauert die übertrieben holprige Fahrt bis zum Startpunkt des Treks. Die Straße, wenn man sie überhaupt so nennen kann, besteht aus Schlaglöchern, Geröll und steilen Serpentinen. Jeder Stoß geht direkt in die Knochen, an Schlaf ist nicht zu denken.
Bei unserer Ankunft ist es noch stockdunkel, doch im fahlen Mondlicht lassen sich die schneebedeckten Gipfel schon erkennen. Hier, auf 5000 Metern, beginnt die Wanderung: zunächst mit Stirn- und Taschenlampen über große Felsen bis zum Basecamp auf 5200 Metern. Wobei „Camp“ ein ziemlicher Euphemismus ist für die karge Hochebene, zu deren Ausstattung lediglich ein paar weitere Felsen gehören. Keine Zelte, kein fließendes Wasser und erst recht keine Toiletten – nur Steine, Sand und dünne Luft. Über uns leuchten die Sterne, und für einen kurzen Moment vergesse ich, was mir in den nächsten Stunden blüht.

Aufstieg in der dünnen Luft
Ganz gemächlich geht es im Zickzack bergauf, während die Morgensonne langsam hinter den benachbarten Gipfeln hervorkommt. Bewusst langsam und gleichmäßig graben sich zehn Paar Schuhe von acht Teilnehmenden und zwei Guides in den sandigen Boden. Die ersten beiden Pausen liegen jeweils 250 Höhenmeter auseinander, danach werden die Pausen immer häufiger, je näher wir dem Gipfel kommen. Und das ist auch gut so: Die dünne Luft merkt man im Kopf schneller als die Anstrengung in den Knochen. Die Bewegungen werden langsamer, ebenso die Signale, die der Geist an den Körper sendet. Jeder Schritt erfordert bewusste Anstrengung, Atmen wird zur Hauptaufgabe. Die Guides haben Kokablätter zum Kauen dabei, die gegen die Höhe helfen sollen. Spätestens auf 5800 Metern wünsche ich mir dann doch, die Zweitagestour gebucht zu haben.
Aber da muss ich jetzt durch!
Die letzten 150 Höhenmeter vergehen schließlich wie im Traum – was nicht unbedingt heißt, dass es ein schöner ist. Das Zeitgefühl ist völlig aus den Angeln gehoben, und jeder Schritt wird zur mentalen Herausforderung für das arme, kleine, komplett unterversorgte Gehirn. Von den gefühlt tausend Snacks, die ich vorher gekauft habe, gönne ich mir nur ein paar wenige. Hunger habe ich keinen, der Körper hat andere Prioritäten. Auch der Durst hält sich eher in Grenzen.
Zum Glück konnte man sich vorab alles nötige Equipment leihen. So meistern wir mit Steigeisen unter den Schuhen problemlos den allerletzten Abschnitt bis zum Gipfel: ein nicht mehr ganz so steiles, vereistes Stück von einigen hundert Metern, auf dem sich die Metallzacken ins Eis krallen. Auch das Wetter spielt mit. Direkt über uns ist der Himmel fast wolkenlos, und der kalte Wind bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sorgt für eine wohlige Abkühlung – denn die Sonne brutzelt auf dieser Höhe gnadenlos auf die Haut.
Auf dem Gipfel
Und dann, nach sieben Stunden und kurz vor 12 Uhr: der Gipfel! 6075 Meter! Mein erster Sechstausender! Und nicht nur ich habe erschöpft gejubelt: Alle aus unserer Gruppe haben es ebenfalls geschafft.
Es ist schon verrückt, wie einem plötzlich Gipfel zu Füßen liegen, zu denen man sonst ehrfürchtig hinaufschaut: der Misti und der Pichu Pichu nebenan, beide niedriger als der Punkt, an dem ich gerade stehe. Von Arequipa ganz weit unten ganz zu schweigen. Die Stadt wirkt winzig und unwirklich weit weg. Bei all diesen Gedanken könnte man glatt vergessen, dass ja noch der Abstieg bevorsteht.
Und, oh boy, der hat es in sich.
Der Abstieg
Jetzt heißt die Devise nicht mehr Zickzack laufen, sondern auf die Hacken stützen und vorsichtig den Sand hinuntergleiten. Was nach einer spaßigen Angelegenheit klingt, wird in dieser Höhe zur echten Herausforderung. Die Beine wollen nicht mehr so, wie man es gern hätte, und jeder Schritt muss bewusst gesetzt werden, sonst rutscht man unkontrolliert ab.
Längst hat sich in unserer Gruppe die Spreu vom Weizen getrennt, und ich merke, wer solche Besteigungen öfter unternimmt. Die beiden Guides gleiten mühelos den Hang hinunter, als wäre es ein Spaziergang, die Hälfte unserer Gruppe macht es ihnen nach. Ich bin indes froh, dass noch einige andere mit mir in der „Leidensgemeinschaft erster Sechstausender“ stecken und ähnlich zu kämpfen haben. Aber es nützt ja nix: So oder so müssen wir da jetzt runter.
Wenn ich mich mit den anderen unterhalte, bin ich fast froh, „nur“ mit der mentalen Herausforderung zu kämpfen. Kopfschmerzen, wackelige Beine, Übelkeit – das alles bleibt mir heute zum Glück erspart. Aber diese vermaledeite Koordination! Das Gehirn schickt Befehle, die Beine reagieren mit Verzögerung. Wie auf dem Heimweg vom Feiern um fünf Uhr früh nach ein paar Schnäpsen zu viel.
Fünf immens anstrengende Stunden später erreichen wir wieder das Basecamp und blicken bei Tageslicht die Hunderte Höhenmeter hinauf, die wir gerade hoch- und wieder heruntergestiefelt sind. Jetzt muss ich nur noch drei Stunden knochenbrecherische Autofahrt durchs Nichts bis nach Arequipa überstehen, dann wartet die wohlverdiente Dusche.

Mit zwei Kilo Sand in den Schuhen und einer, ich sage mal vorsichtig, interessanten neuen Erfahrung falle ich halbtot ins Bett und freue mich, meinen ersten – und wahrscheinlich auch letzten – Sechstausender bezwungen zu haben.
Verpflegung und warme Kleidung muss man selbst mitbringen. Auf die Liste gehören:
- Warme Schichten, Mütze und Handschuhe, denn nachts und am Gipfel ist es trotz Sonne kalt
- Feste Bergschuhe
- Stirnlampe für den Start in der Nacht
- Sonnenbrille, Sonnencreme und Lippenschutz
- Mindestens zwei Liter Wasser – trinken ist auch dann wichtig, wenn man keinen Durst hat
- Snacks
- Trekkingstöcke, vor allem für den Abstieg im Sand





