Vom Traumzeit Festival habe ich in den letzten Jahren immer wieder ganz bezaubernde Fotos gesehen – diese Kulisse im Landschaftspark Duisburg hat mich schon immer extrem neugierig gemacht. In diesem Jahr war es dann endlich so weit und wir machten uns auf den Weg, um selbst einmal zu erleben, wie man wohl ein kleines, feines Festival in einer Szenerie aus Stahl und Beton installiert.

Schaut man sich den Landschaftspark Duisburg an, denkt man vielleicht nicht zuerst an Konzerte. Die Kulisse besteht zum Großteil aus Asphalt, Industrierelikten, hohen Türmen am Horizont; perfekt für einen Kulturtag, in dem man einiges über die Geschichte des ehemaligen Hüttenwerks lernen kann. Oh, und einen Kletterpark gibt’s auch. Alles also irgendwie meilenweit entfernt von der Vorstellung klassischer Wald- und Wiesen-Open-Airs, wie man sie beispielsweise aus dem Norden und Osten der Republik kennt. Aber hey, es ist nun mal Ruhrpott hier! Und hier und da wachsen tatsächlich sogar Bäume auf dem Beton – die an diesem übertrieben heißen Wochenende übrigens gold wert waren. Und schon nach ein paar kurzen Spaziergängen über das Gelände wurde uns klar: Der Landschaftspark ist tatsächlich wie gemacht für ein Festival.
Vor die drei Main Stages – zwei Outdoor, eine Indoor – passten geschätzt 500 bis 4000 Leute. Platz war allerdings reichlich vorhanden, obwohl das Festival den Ausverkauf gemeldet hat. Man konnte also jederzeit ohne große Anstrengungen die Bühnen wechseln. Etwa 10000 Menschen pro Tag fanden hier Platz – großzügig verteilt, ohne künstliches Gedränge. Auch Wellenbrecher waren nirgends zu sehen. Sympathisch!
Die Besuchenden waren ohnehin extrem entspannt, trugen Bandshirts verschiedenster Genres und schienen mindestens drei Generationen anzugehören. Egal ob das Publikum gemeinsam aufmerksam den Klängen von den Bühnen lauschte, sich der Musik tanzend hingab, oder einfach in Plauderlaune war – allen sah man an, dass sie eine wunderbare Zeit hatten.



Ein absolutes Highlight des Geländes offenbarte sich schon früh: Die Gießhallen-Bühne – eine ehemalige Industriehalle mit großzügigen Rängen und einer Akustik, die dafür sorgte, dass der Sound förmlich in den Wänden kleben blieb. Das sorgte für ein viel präsenteres und intensiveres Erlebnis als auf den Open-Air-Bühnen, sodass es eine Freude war, die dort spielenden Acts mit allen Sinnen zu erfassen – allen voran die klaviergestützten Live-Beats der Grandbrothers oder den krautigen Jangle Pop von International Music.
Generell hielten sich die Überschneidungen des Line-Ups in Grenzen, sodass man bei jedem der rund 30 bestätigten Acts zumindest einmal vorbeischauen konnte, um sich ein Bild zu machen. Tag eins war bereits gut gefüllt: Die alten Helden Kettcar spielten einen Hit nach dem anderen und zogen dementsprechend ordentlich viele Leute vor die Cowper-Bühne; Florence Road gab ihr bisher überschaubares Oeuvre selbstbewusst und energetisch zum Besten; Naft brachten mit Live-Techno die Leute zum Tanzen; Amistad sorgten mit warmen Folk und mehrstimmigem Gesang dafür, dass das Publikum zusammenrückte. Getoppt wurde das Ganze am Ende des Tages von den oben bereits genannten Grandbrothers.



Nachdem wir am zweiten Tag die Essener Lokalhelden von International Music in der bereits liebgewonnenen Gießhalle genossen hatten, schauten wir kurz beim Indie-Pop von Mola und dem 2000er-Britrock der frisch gegründeten Band Agassi vorbei, schwoften zum anatolisch angehauchten Live-Downtempo von Oh Voyage und gönnten uns den Techno-Brass von Meute. Eine absolut bunte Mischung, bei der für jedes Bedürfnis etwas dabei war.
Zwischendurch nahmen wir uns ein kleines Päuschen auf dem direkt angeschlossenen Campingplatz. Auch hier: eine wahnsinnig entspannte Stimmung. Zu unserer Überraschung gab es dort einen Globus-Baumarkt, der Weinflaschen günstiger verkaufte, als ein Glas Wein auf dem Festival kostete. Damit hielten wir für einen Moment auf dem Hügel des Campingplatzes inne, bewunderten die ehemaligen Industrieanlagen des Landschaftsparks und genossen unseren eiskalten Wein bei der nach wie vor brüllenden Hitze.
Da war es dann auch gar nicht schlimm, dass wir dafür einen Teil des White-Lies-Konzerts verpasst haben, die zu meiner Überraschung ein extrem druckvolles Set ablieferten. Apropos druckvoll: SPRINTS am Ende des zweiten Tages lieferten dann auch den einen Moment, an dem das Festival kurz mal aus seiner Ruhe ausbrach. Mosh-Pits, Stagediving, das volle Rock’n’Roll-Programm. Auch das gibt es hier, aha!



Wer wie wir aus Dortmund anreiste, musste mit Zugverspätungen rechnen – ein Running Gag des Wochenendes und im Ruhrpott allgemein. Dennoch stand der Shuttlebus nach den letzten Shows des Tages immer fahrbereit am Gelände, angenehm locker gefüllt. Das hat nicht nur gezeigt, wie gut alles im Voraus geplant war, sondern wie entspannt auch solch ein Prozedere vonstatten gehen kann. Keine Selbstverständlichkeit, leider.
Der Headliner am dritten Tag war dann schließlich Apparat, mit Band im Rücken. Besonders in der letzten halben Stunde, als das Cello ausgepackt wurde, hatte er das Publikum komplett in seiner Hand. Der Platz vor der Bühne war leider nicht mehr allzu voll – aber alle, die dabei waren, konnten sich voll und ganz in die flauschig-weichen Soundteppiche fallen lassen, die Sascha Ring da auf der Bühne gezaubert hat.
Das Traumzeit Festival funktioniert so gut, weil es seinen Ort ernst nimmt. Der Landschaftspark ist nicht nur ein Kompromiss eines zufällig gewählten Ortes, sondern vielmehr die Voraussetzung für ein einmaliges Festival-Erlebnis – eine 180 Hektar große ehemalige Stahlhütte mit Hochöfen, Rohren, Schornsteinen. Und trotz dieser gigantischen Kulisse haut das Festival wenig auf die Pauke. Es bleibt bescheiden. Das Line-Up ist sorgfältig kuratiert, Überschneidungen lassen sich leicht vermeiden, die Leute nehmen sich Zeit für die Musik. What’s not to like about Traumzeit?





