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Las Coloradas: Ein Paradies in Pink

Im Norden von Mexikos beliebtestem Urlaubsziel Yucatán soll es einen surrealen Ort voller Salzberge, Flamingos und rosafarbenen Lagunen geben. Wir haben uns auf die Suche begeben.

Mit dem Motorrad durch Las Coloradas
Mit dem Motorrad durch Las Coloradas.

In letzter Zeit spricht sich herum, dass es im touristisch erschlossenen Yucatán noch ein unberührtes Fleckchen mit sagenhafter Natur geben soll. Es heißt Ría Lagartos und befindet sich unweit des Ortes Las Coloradas. Viel gibt es darüber nicht im Voraus zu erfahren. Vereinzelte Blogeinträge und Bilder in sozialen Netzwerken lassen auf ein wunderbares Biosphärenreservat schließen. Star dieser Szenerien ist eine Lagune, die im kräftigen Rosa leuchtet.

Pinke Lagune von Las Coloradas

Der mysteriöse Ort hat unsere Neugierde geweckt. Fragt man andere Urlauber in Yucatán, ob sie bereits von Ría Lagartos gehört haben, bekommt man immer dieselben Antworten. Den meisten ist die Gegend unbekannt, ebenso oft hört man: „Ja, es soll wunderschön sein, aber ich war nicht da.“ Irgendwie seltsam, rufen die Bilder im Internet doch förmlich zum Besuch auf. Wie kann es da sein, dass solch ein augenscheinlich einzigartiger Ort unter dem Radar der Reisenden ist?

Laut Karte ist es gar nicht weit. Die Küste, an der der Parque Natural Ría Lagartos liegt, befindet sich gerade einmal 100 Kilometer nördlich der beliebten Kolonialstadt Valladolid. Am örtlichen Busbahnhof hilft man uns schnell weiter: 30 Pesos, umgerechnet weniger als zwei Euro, kostet eine Busfahrt bis in den kleinen Ort Tizimin. Von dort aus gilt es den Anschlussbus in das Dorf Las Coloradas zu nehmen. Das sollte machbar sein.

Schon im ersten Bus wird deutlich, dass sich die wenigsten Touristen gen Norden verirren. Viele halten sich lediglich in Valladolid auf, um die Maya-Pyramide Chichén Itzá zu erkunden. Von dort aus fahren die meisten entweder gen Osten, nach Tulum, Cancún und Playa del Carmen, oder nach Mérida, dem kulturellen Zentrum im Westen von Yucatán.

Tizimin
In Tizimin angekommen.

Während in diesen Städten der Tourismus boomt, scheint in Tizimin die Zeit stehen geblieben zu sein. Im Zentrum dominieren lokale Shops das Straßenbild. Obst- und Gemüsehändler preisen lautstark ihre Waren an, Friseure und Mechaniker warten auf Kunden. Nirgends sieht man Stände mit Tourangeboten, Shirts oder Souvenirs. Ein nettes authentisches Erlebnis – besonders, wenn man weiß, wie hektisch es an den Hochburgen der Ostküste zugehen kann.

Der Taco-Verkäufer am örtlichen Markt freut sich über fremde Gesichter. Während er unser Mittagessen zubereitet, erzählt er euphorisch, wie sich hier der Wandel langsam aber sicher einschleicht. Die Tourismusbehörde investiere bereits kräftig: „Die ganze Gegend beginnt gerade, sich zu vermarkten. Ganz bestimmt mit Erfolg, weil der Naturpark wunderschön ist und sich dort tausende Tiere tummeln!“

Die Anschlussbusse ab Tizimin fahren unregelmäßig. Nach einer Stunde Wartezeit geht es weiter, hin zur Küste des Golfs von Mexiko. Laut den Straßenschildern befinden wir uns auf der „Ruta Flamingo“. Derzeit sind es noch einheimische Familien und Bewohner der umliegenden Dörfer, die diesen Weg benutzen. Neben Las Coloradas sollen sich auch die Nachbardörfer Rio Lagartos und San Felipe schon bald rapide verändern.

Kurz vor unserer Ankunft in Las Coloradas tauchen die ersten Lagunen auf. Sie schimmern in unterschiedlichen Farben: einige braun, andere grün und wieder andere in einem intensiven Rosa. Nebenher türmen sich riesige Salzberge auf, deren Weiß unsere Augen blendet. Schon bald sehen wir eine gigantische Saline – und die ersten Wohnhäuser.

Die Gegend wirkt verschlafen. Rund 1000 Einwohner wohnen hier, in Las Coloradas. Wer nicht gerade im Salzwerk arbeitet oder mit Fischerei beschäftigt ist, lungert am staubigen Hauptplatz herum und versucht, die Zeit totzuschlagen. Das Biosphärenreservat Ría Lagartos liegt nur wenige hundert Meter vom Dorfzentrum entfernt, die rosafarbenen Lagunen erkennt man schon von Weitem.

Pinke Lagune von Las Coloradas
Am Ziel angekommen.

Der Bus hält für 20 Minuten im Dorf und fährt danach zurück nach Süden. Zu wenig Zeit, um die Umgebung intensiver zu erkunden – das Reservat soll sich auf 15000 Quadratmetern erstrecken. Zwei Einheimische bieten uns für je 150 Pesos eine geführte Rundreise auf ihren Motorrädern an. Klingt fair. Wir nehmen das Angebot an und kümmern uns zunächst nicht um die Rückreise.

Die Gegend ist menschenleer. Ab und an liegen ein paar Bötchen an den Ufern, nach einer halben Stunde Fahrt sehen wir einen Fischer. Unsere beiden Freunde erweisen sich als äußerst gesprächig. Durch ihre Arbeit im Salzwerk haben sie Einiges über die Gegend zu berichten. Wir erfahren, dass es hier insgesamt 19 künstlich angelegte Lagunen gibt, aus denen pro Halbjahr bis zu 15 Tonnen Salz gefördert wird. Sie alle sind miteinander verbunden und nicht tiefer als 80 Zentimeter. Kaum zu glauben, dass dieser Ort von solch immenser Bedeutung für die Wirtschaft des Landes ist.

Las Coloradas
Rush Hour in Las Coloradas.

Die Farbe des Wassers ändert sich in Abhängigkeit vom Produktionsweg: Bevor es seine außergewöhnliche pinke Färbung annimmt, ist es braun, davor grün. Die pinken Lagunen haben den höchsten Salzgehalt. Gerade einmal 10 Prozent der sichtbaren Oberfläche besteht tatsächlich aus Wasser, der Rest ist Salz.

Da die Lagunen ausschließlich der Salzgewinnung dienen, ist das Schwimmen streng verboten – auch wenn es manche Bilder im Internet anders vermuten lassen. Es ist tatsächlich verlockend, in diesem pinken Wasser baden zu gehen, doch der Gedanke daran, dass man sich auf einer rund 70 Zentimeter dicken, mit etwas Wasser bedeckten Salzschicht bewegt, lässt dieses Bedürfnis schnell wieder verschwinden.

Pinke Lagune von Las Coloradas
Bitte nicht schwimmen!

Die Salinen gibt es bereits seit 90 Jahren. Doch Einiges hier ist noch viel älter: An den Ufern wimmelt es von versteinerten Skeletten lebender Fossilien. „Limulus Polyphemus“, Pfeilschwanzkrebse, erklärt uns der Einheimische. Seit hunderten Millionen Jahren bevölkern sie diesen Abschnitt der Erde. Für den Tourismus interessanter sind jedoch andere Tiere. Zu den interessantesten Vertretern gehören die Flamingos, die sich jedes Jahr von Kuba aus hier her verirren. „Sie suchen hier regelmäßig nach Futter und sind gar nicht weit entfernt.“

Und tatsächlich: Nach einer zehnminütigen Motorradfahrt, vorbei an Lagunen unterschiedlichster Farbgebung, tauchen plötzlich Dutzende von ihnen auf. Sie sind alles andere als scheu, bis auf wenige Meter lassen sie sich bei ihrer Futtersuche beobachten. Während wir staunend das Treiben beobachten, sind unsere Freunde abgeklärter. Sie interessieren sich mehr für ihr Motorrad als für die Dutzenden Flamingos, die in diesem Moment über sie hinwegziehen.

„Wir sehen die Flamingos so gut wie jeden Tag. Das ist nichts Besonderes mehr für uns“, erzählt uns der Einheimische mit einem verschmitzten Lächeln. „Es ist übrigens kein Zufall, dass die Flamingos so pink wie die Lagunen sind“ fügt er hinzu. Die Färbung des Wassers komme von Mikroorganismen und roten Algen, die sich in diesem extrem salzhaltigen Wasser bilden. Dies führe zur Bildung des Naturfarbstoffes Beta-Carotin. „Die Flamingos ernähren sich vom Wasser, den Algen und kleinen Krebsen dieser Lagunen. Im Laufe der Zeit überträgt sich die pinke Färbung auf ihr Federkleid.”

Flamingogruppe in Las Coloradas
Alle Vögel sind schon da.

Nach einigen weiteren Kilometern entlang endlos scheinender Dünen erreichen wir wieder das Meer. Der Strand ist erstreckt sich bis zum Horizont und ist komplett menschenleer. Ein Novum für Yucatán. Nur selten erfährt man in diesem Teil des Landes solch eine Ruhe und Abgeschiedenheit.

Boote in Las Coloradas
Weit und breit keine Menschenseele.

Danach geht es zurück nach Las Coloradas. Der letzte Bus zurück in den Süden fährt täglich um 15 Uhr ab. Etwas ungünstig, wenn man das Biosphärenreservat in Ruhe erkunden möchte. Glücklicherweise gibt es Taxis, mit denen man nicht viel teurer kommt, sofern man nicht alleine unterwegs ist.

Der Taxifahrer erzählt uns, dass es ganz in der Nähe des Dorfes noch viel mehr zu sehen gibt, etwa einen unterirdischen See und eine Maya-Ruine. „Diese Orte sind wunderschön und sehr sehenswert, allerdings im Besitz vom Eigentümer des Salzwerks.“ Und dieser möchte anscheinend möglichst wenig Aufsehen erregen und hält sie mehr oder weniger erfolgreich unter Verschluss.

Auch unser Fahrer spürt den Wandel in Las Coloradas und Umgebung: „In den letzten Monaten habe ich deutlich mehr Reisende transportiert, als zuvor.“ Scheinbar sieht auch der Besitzer des Salzwerks ein, dass der Tourismus ein wichtiger Einkommensfaktor sein kann: Langsam öffnen sich die Tore entlang der Lagunen für den motorisierten Verkehr.

Eingangstor Las Coloradas
Noch ist hier dicht für Gefährte.

Die Organisation dieser Reise war weitaus einfacher als angenommen. Man benötigt kein eigenes Auto und die ganze Reise ist in einem Tag zu stemmen. Sicherlich wäre ein längerer Aufenthalt noch aufregender, doch touristische Infrastruktur ist bislang nur im Dorf Rio Lagartos zu finden.

Es ist ein seltsames Gefühl, einen Ort zu erleben, der so kurz davor ist, vom Fremdenverkehr erobert zu werden. Ich muss unweigerlich an Cancún denken – ein Musterbeispiel für ein Fischerdörfchen, das sich in wenigen Jahrzehnten zu einer weltweiten Top-Destination entwickelt hat. Nicht unwahrscheinlich, dass es Las Coloradas und seinen Nachbardörfern in den nächsten Jahren ähnlich ergehen wird.

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